Herausforderungen ausländischer Fachkräfte in Deutschland

Herausforderungen ausländischer Fachkräfte in Deutschland

Angela Merkel meint, Deutschland brauche mehr Fachkräfte aus dem Ausland. Das mag sein.

Allerdings fühlen sich einer Studie zufolge sich nicht einmal die schon anwesenden besonders wohl. Wie kommt das und wie können wir es ändern?

Das Auswanderer Netzwerk „Internations“ hat über 18.000 Expatriaten aus 187 Ländern nach ihrer Meinung zum Leben in 68 Ländern befragt.1 Dabei landete Deutschland auf Platz 36. Gut bewertet wurden dabei die wirtschaftliche und politische Stabilität, der Lebensstandard, die Work-Life Balance, die Infrastruktur (öffentlicher Nah- und Fernverkehr, das Straßennetz) und das Gehaltsniveau.

Der Studienteilbereich „Ease of Settling In“2 (Einfachheit, sich einzuleben) hat den Durchschnittswert gedrückt. Er besteht aus vier Faktoren:

  • Sich zu Hause fühlen
  • Freundlichkeit
  • Freunde finden
  • Sprache

Hier landete Deutschland auf Platz 66 von 68. Das zeigt, dass die Rahmenbedingungen stimmen, es beim Zwischenmenschlichen aber noch hapert.

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Fangen wir mit dem Faktor „Sprache“ an. Die Mehrzahl der Befragten empfand das Leben ohne Sprachkenntnisse hierzulande als schwierig. Die Arbeitgeber üben oftmals wenig Druck bzgl. des Spracherwerbs aus, denn oft wird kein Deutsch am Arbeitsplatz vorausgesetzt; nicht nur in der IT, auch auf Baustellen kann dies der Fall sein.

Es gibt jedoch auch Auswanderer, die gerne und freiwillig Deutsch lernen wollen. Dem steht häufig im Wege, dass manche Kollegen ihre Chance wittern, ihr Englisch aufzupolieren und manchen schlichtweg die Geduld fehlt, sich auf holprigem Deutsch zu unterhalten; frustrierend für die ausländischen Arbeitskräfte.

Andere reagieren schärfer; vor allem englische Muttersprachler finden es oft empörend, dass sie als unbezahlte „Englischlehrer“ herhalten sollen.

Mangelnde Deutschkenntnisse bedeuten weniger Einblick in die hiesige Mentalität. Sprache sagt viel über die Kultur aus. Ein Beispiel: „Konfliktfähigkeit.“ Wie aufschlussreich muss dieser Begriff für jemanden aus einer Kultur sein, die Harmonie und Gesichtswahrung betont, in der Kritik nur als leise Andeutung hervorgebracht wird!

Deutschland ist beliebt, nur nicht bei den Deutschen

Außer der Sprache spielten noch drei weitere Faktoren bei der Studie eine Rolle:

  • Sich zu Hause fühlen (Deutschland auf Rang 62 von 68)
  • Freundlichkeit (Rang 62 von 68)

  • Freunde finden (Rang 63 von 68)

Deutsche kränken nicht absichtlich neue Mitbürgerinnen und Mitbürger. Es ist die deutsche Kultur, die aus der Sicht von Ausländern Besonderheiten hat, die befremdlich anmuten mögen. Es sind zum Teil Kleinigkeiten, die jedoch wie Sand im Getriebe ein atonales Knirschen verursachen.

In den meisten Ländern findet man leicht Freunde am Arbeitsplatz; in Deutschland eher nicht. Der Empfang ist distanziert, persönliche Fragen gelten oft als distanzlos. Man wird zwar am ersten Tag mit in die Kantine genommen, aber dann reden die Kollegen über Themen, die nur Eingeweihte verstehen. Um sich zu integrieren, müssen neue Mitarbeiter offensiv Fragen stellen oder selbst Themen setzen. Höfliche Expatriaten haben diese Art der Selbstbehauptung nie gelernt, da es Zuhause nicht nötig war. Somit sitzen sie oft unbeteiligt da und nehmen an, man möge sie nicht oder hätte sie nur pro forma mitgenommen.

Wenn kulturelle Unterschied bereits bekannt sind – Inder zum Beispiel zeigen neuen Kollegen sofort Bilder von ihren Familien – kann man sich darauf einstellen. Gravierender ist es, wenn unterschiedliche kulturelle Gepflogenheiten unangesprochen bleiben und somit seltsam anmuten, auf Unverständnis stoßen. Das hemmt die Zusammenarbeit.

Sachlichkeit – ein Buch mit sieben Siegeln

In Deutschland ist Sachlichkeit am Arbeitsplatz angebracht. Wenn Kollegen sich gut verstehen, ist das ein Bonus, aber Sympathie ist für das Gelingen der Zusammenarbeit nicht notwendig.

Die deutsche Idealvorstellung ist Mr. Spock im Kontrollraum des Raumschiffs Enterprise: zielstrebig, immer um logische Erklärungen bemüht, unparteiisch, gleichbleibend neutral, aber nichtsdestotrotz von einer Aura der Guttigkeit umgeben.

Viele ausländische Mitarbeiter sind nicht besonders empfänglich für diese Aura. In ihren Augen haben Sachlichkeit und Neutralität hin und wieder ihre Vorzüge, aber ein „normaler“ Mensch ist kopf- und gefühlsgesteuert. Die Grundannahme ist: Um gut miteinander arbeiten zu können, muss erst eine persönliche Beziehung bestehen.

Der Vorgesetzte einer Entwicklungsabteilung in den USA hat Folgendes berichtet: „Wir schätzen es wirklich, wenn die deutschen Kollegen hierherkommen und ein Projekt mit uns durchführen. Sie sind wirklich fähige Ingenieure. Nur muss ich dann etwa ein Drittel mehr Zeit einplanen, weil die Deutschen so distanziert sind, dass meine Jungs Zeit brauchen, um mit ihnen warm zu werden.“

Ein Paradoxon: Sachlichkeit soll zur Effizienz führen, aber es verzögert die Arbeit, wenn die andere Seite diesen sachlichen Zugang nicht gewohnt ist.

Misstrauen auf beiden Seiten

Eine Spanierin in Deutschland berichtete, dass sie erst nach drei Monaten durch eine zufällige Bemerkung erfuhr, dass ihr Büronachbar eine Frau und zwei Kinder hat. Ihre Überlegung war: „Wenn er so etwas Harmloses verschweigt, was versteckt er sonst noch?“

Die Deutschen andererseits werden misstrauisch, wenn ihr Geschäftspartner zu offensichtlich versucht, das Zwischenmenschliche positiv zu gestalten. Ein Österreicher erzählte: „Als Salzburger bringe ich oft bei einem ersten Treffen Mozartkugeln mit. Ich war dieses Jahr in Saudi Arabien – da hat mein Geschäftspartner die Schachtel aufgemacht und darauf bestanden, dass ich mit ihm diese wunderbaren Süßigkeiten genieße. Danach war ich in der Schweiz. Mein Gegenüber hat sich herzlich bedankt und sagte, seine Kinder würden sich sehr freuen; das sind ihre Lieblingspralinen. Dann kam ich nach Deutschland. Mein Ansprechpartner hat sich trocken bedankt. Später im Gang hörte ich ihm einem Kollegen sagen: ‚Er versucht, sich hier einzuschleimen.‘ “

Unterschiedliche Kommunikationsstrategien

Sachlichkeit ist eine Leitlinie in der deutschen Zusammenarbeit und Kommunikation generell. Trotzdem ist objektive und sachliche Argumentation nicht überall selbstverständlich.

Anm.: Ist das ein Zitat? Von wem?

Früher habe ich bei einer Firma gearbeitet, die eine Niederlassung in Woronesh, Russland, gründete. Irgendwann fingen die deutschen Kollegen an, sich bei mir wie folgt zu beschweren: „Es können nicht so viele Omas in ganz Woronesh sein, wie in den Familien unserer Mitarbeiter sterben.“
Es ging darum, dass IT-Mitarbeiter oft in letzter Minute darum baten, den nächsten Tag freizubekommen, um auf die Beerdigung ihrer Großmutter gehen zu können.

Russen sind oft sehr spontan in der Planung ihrer Freizeit. Die russischen Kollegen hatten gemerkt, dass die Deutschen genervt waren, wenn sie kurzfristig freinehmen wollten. So haben sie die sprichwörtlich ‚großen Kanonen‘ ausgefahren: emotionale Argumente wirken in Russland; je dramatischer, desto wirkungsvoller.

Bei meiner nächsten Reise nach Woronesh habe ich den Russen den Begriff „Sachlichkeit“ erklärt. Wir übten sachliche Argumentation. Ein Beispiel: „Es würde Sinn ergeben, wenn ich morgen einige Überstunden abbaue, weil ich die notwendigen Daten für den Bericht erst am Donnerstag bekomme.“

Resultat: Eine Win-Win Situation. Die Russen haben genau wie vorher ihre Überstunden abbauen können und zudem ihr Kommunikationsrepertoire erweitert. Die Deutschen behielten einen geregelten Blutdruck.

Alle Menschen sind gleichermaßen schätzenswert, aber das bedeutet nicht dass sie deswegen alle gleich strukturiert wären. Wer die internationale Zusammenarbeit begrüßt, soll sich bewusst sein, dass die Kooperation zwischen Kulturen nicht nur eine Frage von Offenheit ist. Man muss filigrane Analysen durchführen, diverse Strategien ausarbeiten und immer wieder das Selbstverständliche in Frage stellen. Eine Willkommenskultur ist mehr als eine Ideologie und guter Wille; es ist sehr, sehr viel Arbeit.

1https://www.internations.org/expat-insider/

2https://cms-internationsgmbh.netdna-ssl.com/cdn/file/cms-media/public/2018-09/Expat-Insider-2018_The-InterNations-Survey.pdf